Paul Buchholz
ist ein Schwarzwaldbauer wie aus dem Bilderbuch. Er hat Milchvieh und ein
Stückchen Wald, hängt an seiner Familie Text: Susanne Merkwitz
Paul
Buchholz, Mühlenbach meldet sich am Telefon, fast klingt es wie ein
Doppelname. Und ist vielleicht auch so gemeint: Denn Mühlenbach ist nicht
nur der Ort, an dem Paul Buchholz schon immer gelebt hat, da ist noch viel
mehr. Das kann jeder sehen, der In der Küche riecht es nach Weihnachtsplätzchen, Kuhmist und Holz. Apfelbäume vor dem Fenster, eine Wanduhr tickt konkurrenzlos durch die Stille, in der Ecke ein riesiger Kachelofen – alles viel zu idyllisch, um wahr zu sein? „Ach, ja“. Paul Buchholz winkt ab, klar gäbe es viel zu lamentieren. Über die ständig sinkenden Milchpreise, seinen geschätzten Stundenlohn von 4 Mark fünfzig und all die Falschmeldungen, die sie im Moment über BSE verbreiten. Oder über Sturm Lothar, der in seinem Wald drei Jahreshiebe umgerissen hat. „Es ist ein Privileg, an so einem Ort zu leben“, sagt Paul Buchholz stattdessen. Und erzählt von früher.
Fünf
Geschwister, drei Brüder und zwei Schwestern machten sich in den 70ern
tagtäglich auf den sechs Kilometer langen Schulweg nach Mühlenbach.
Ordentlich früh mussten sie loslaufen, um pünktlich um sieben Uhr in der
Kirche zu sein. Selbstverständlich wie der Besuch der ersten Schulstunde war
am Anfang der 70er Jahre der tägliche Gottesdienst für die Kinder des
katholischen Dorfes. Für den Heimweg liessen sie sich dann oft den ganzen
Nachmittag Zeit. Weil „unterwegs immer so viel los war“. Ein bisschen
Getrödel wegen Erinnerungen an ein Aufwachsen ohne die ganz grossen Zweifel und die ganz grossen Fragen. Und ohne den Wunsch nach dem totalen Ausbruch? Gab es denn nie die Sehnsucht nach Sex and Drugs and Grossstadtsause? Ach nein, so kann man Paul Buchholz nicht ins Schlingern bringen. Hinterm Mond lebt man ja auch in Mühlenbach nicht. „Am Wochenende war keine Kneipe zwischen Offenburg und St. Peter vor uns sicher“. Und wenn irgendwo die legendäre Golden Show Band aus dem Glottertal spielte, war Buchholz eigentlich immer im Publikum zu finden. Aber Ausbruch? „Ich habe immer gedacht, schliesslich hat man doch nur eine begrenzte Lebenszeit, und in der muss man sich ein bisschen ranhalten“, sagt Buchholz. Rangehalten hat er sich: Hauptschulabschluss, dreijährige Ausbildung zum „Landwirtschaftlichen Gehilfen“, im Anschluss drei Semester auf der landwirtschaftlichen Fachschule in Haslach. Nach dem Bund war die Prüfung zum Landwirtschaftsmeister dran. Ganz nebenbei lernte er in dieser Zeit Schreinern, Lkw und Bagger fahren. „Einen Grossteil der Ausbildung konnte ich zu Hause machen. Aber ein Lohnverhältnis zu meinem Vater – das kam nicht in Frage“. Also jobbte Buchholz in seinen freien Stunden hier und dort. Zu lernen gab es überall etwas. 37 Jahre ist Paul Buchholz heute alt, Jungbauer auf dem Hof seiner Eltern, verheiratet mit einem „Glückstreffer“ vom Nachbarhof, Vater von vier Kindern, Tenor im Kirchenchor, Vorstand im Kolpingwerk, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Jungbauern. Auch fast alle seine Geschwister haben sich wieder auf Höfe verheiratet. Lebenswege, so klar und gerade wie mit dem Lineal gezogen. Oder doch nicht ganz? Mitte Dreissig war Paul Buchholz schon, als auch er sich einmal eine Kurve leistete. Nur ein ganz kleiner Schlenker schien sie zu sein, die Reise nach Afrika. Heute sagt Paul Buchholz, dass sie ihn für immer verändert hat.
Über eine
Bekannte erfuhr der Jungbauer von APFSS, einer Entwicklungshilfeorganisation
in Burkina Faso, die sich für die Förderung Fremde vertraute Welt
„Im Flugzeug
war es ja schon heiss, aber als in Ouagadougou die Türen aufgingen, dachte
ich, da wär' ein heisser Fön auf mich gerichtet. So ein süsser, staubiger
Geruch wehte mir in die Nase und ich habe dagestanden und gedacht, so, jetzt
bist du also wirklich
Und was hat
ihn so sehr verändert, in dieser fremden, vertrauten Welt? „ Ich habe
gesehen, wie die mit ihrer Zeit umgehen – und das beeindruckt mich bis
heute. Mein Leben lang habe ich immer darüber nachgedacht, was ich noch
alles schaffen will in meiner Lebenszeit. In Afrika blicken sie zurück. Und
freuen sich über jeden Tag, der war, und alles, was sie an ihm geschafft
haben. Dadurch können sie gelassener mit ihrer Zeit umgehen“. Gelassenheit
hat auch Paul Buchholz inzwischen gefunden. Vielleicht nicht gerade die
afrikanische, aber immerhin. Schweine, Hühner und Kühe stehen in seinen
Ställen, im Garten wächst sein eigenes Gemüse und im Keller wird aus dem
Holz seiner Wälder Wärme und heisses Wasser; Einmachgläser mit Obst und
Marmelade stapeln sich im Keller, sogar eine Räucherkammer gibt es. Sein
Leben lang hat Paul Buchholzer sich für dieses Idyll abgearbeitet. Erst in
ein paar kurzen Zeitung zum Sonntag, 24. Dezember 2000
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