Entdeckung der Gelassenheit

Paul Buchholz ist ein Schwarzwaldbauer wie aus dem Bilderbuch. Er hat Milchvieh und ein Stückchen Wald, hängt an seiner Familie
und an Traditionen – und kann wunderschön von Ouagadougou erzählen.

Text: Susanne Merkwitz

Paul Buchholz, Mühlenbach meldet sich am Telefon, fast klingt es wie ein Doppelname. Und ist vielleicht auch so gemeint: Denn Mühlenbach ist nicht nur der Ort, an dem Paul Buchholz schon immer gelebt hat, da ist noch viel mehr. Das kann jeder sehen, der
sich mit dem Auto auf die Holperpiste zu seinem einsam gelegenen Schwarzwaldhof wagt. Wahrscheinlich steht Paul Buchholz schon vor der Tür, während das Auto noch über den steilen Feldweg kriecht – schliesslich führt dieser kleine Weg nur zu ihm. Sicher steht er nicht mit breitbeinigen Besitzerstolz da und auch nicht übertrieben lässig. Dass dieser Hof ihm gehört, braucht er nun wirklich nicht zu demonstrieren. Fünf Generationen Buchholz-Bauern stehen unsichtbar hinter ihm. Bis in die Zeit des Dreissigjährigen Krieges lässt sich die erste Nennung des Hofes zurückverfolgen.

In der Küche riecht es nach Weihnachtsplätzchen, Kuhmist und Holz. Apfelbäume vor dem Fenster, eine Wanduhr tickt konkurrenzlos durch die Stille, in der Ecke ein riesiger Kachelofen – alles viel zu idyllisch, um wahr zu sein? „Ach, ja“. Paul Buchholz winkt ab, klar gäbe es viel zu lamentieren. Über die ständig sinkenden Milchpreise, seinen geschätzten Stundenlohn von 4 Mark fünfzig und all die Falschmeldungen, die sie im Moment über BSE verbreiten. Oder über Sturm Lothar, der in seinem Wald drei Jahreshiebe umgerissen hat. „Es ist ein Privileg, an so einem Ort zu leben“, sagt Paul Buchholz stattdessen. Und erzählt von früher.

Fünf Geschwister, drei Brüder und zwei Schwestern machten sich in den 70ern tagtäglich auf den sechs Kilometer langen Schulweg nach Mühlenbach. Ordentlich früh mussten sie loslaufen, um pünktlich um sieben Uhr in der Kirche zu sein. Selbstverständlich wie der Besuch der ersten Schulstunde war am Anfang der 70er Jahre der tägliche Gottesdienst für die Kinder des katholischen Dorfes. Für den Heimweg liessen sie sich dann oft den ganzen Nachmittag Zeit. Weil „unterwegs immer so viel los war“. Ein bisschen Getrödel wegen
der vielen Arbeit auf dem Bauernhof? „So schlimm war das gar nicht“, sagt Buchholz. In den Wald nahm ihn der Vater oft mit, obwohl
es dort eigentlich gar keine Arbeit für einen kleinen Jungen gab. „Was hätte ich Pimpf mit einem Beil oder einer Motorsäge ausrichten sollen? Der Vater wollte einfach nicht so allein bei der Arbeit sein“. Der Pimpf sass auf einem Baumstumpf dabei, passte auf das Werkzeug auf und schaute sich eine Menge ab. Heute geht Paul Buchholz immer noch dieselben Wege durch den Wald, der inzwischen ihm gehört. Mal ist eines seiner eigenen Kinder dabei, oft auch der Vater. Nicht unbedingt zum Mithelfen, sondern einfach nur so, der Gesellschaft wegen.

Erinnerungen an ein Aufwachsen ohne die ganz grossen Zweifel und die ganz grossen Fragen. Und ohne den Wunsch nach dem totalen Ausbruch? Gab es denn nie die Sehnsucht nach Sex and Drugs and Grossstadtsause? Ach nein, so kann man Paul Buchholz nicht ins Schlingern bringen. Hinterm Mond lebt man ja auch in Mühlenbach nicht. „Am Wochenende war keine Kneipe zwischen Offenburg und St. Peter vor uns sicher“. Und wenn irgendwo die legendäre Golden Show Band aus dem Glottertal spielte, war Buchholz eigentlich immer im Publikum zu finden. Aber Ausbruch? „Ich habe immer gedacht, schliesslich hat man doch nur eine begrenzte Lebenszeit, und in der muss man sich ein bisschen ranhalten“, sagt Buchholz. Rangehalten hat er sich: Hauptschulabschluss, dreijährige Ausbildung zum „Landwirtschaftlichen Gehilfen“, im Anschluss drei Semester auf der landwirtschaftlichen Fachschule in Haslach. Nach dem Bund war die Prüfung zum Landwirtschaftsmeister dran. Ganz nebenbei lernte er in dieser Zeit Schreinern, Lkw und Bagger fahren. „Einen Grossteil der Ausbildung konnte ich zu Hause machen. Aber ein Lohnverhältnis zu meinem Vater – das kam nicht in Frage“. Also jobbte Buchholz in seinen freien Stunden hier und dort. Zu lernen gab es überall etwas.

37 Jahre ist Paul Buchholz heute alt, Jungbauer auf dem Hof seiner Eltern, verheiratet mit einem „Glückstreffer“ vom Nachbarhof, Vater von vier Kindern, Tenor im Kirchenchor, Vorstand im Kolpingwerk, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Jungbauern. Auch fast alle seine Geschwister haben sich wieder auf Höfe verheiratet. Lebenswege, so klar und gerade wie mit dem Lineal gezogen.

Oder doch nicht ganz? Mitte Dreissig war Paul Buchholz schon, als auch er sich einmal eine Kurve leistete. Nur ein ganz kleiner Schlenker schien sie zu sein, die Reise nach Afrika. Heute sagt Paul Buchholz, dass sie ihn für immer verändert hat.

Über eine Bekannte erfuhr der Jungbauer von APFSS, einer Entwicklungshilfeorganisation in Burkina Faso, die sich für die Förderung
der Viehhaltung im Sahel und in der Savanne einsetzt. Die suchten einen europäischen Bauer, der in Burkina Faso über seine Situation in Europa erzählen sollte. „Da bin ich natürlich erst mal gar nicht drauf angesprungen, ich hatte ja nicht mal eine Ahnung, was für politische Verhältnisse da herrschen“. Den Ausschlag gab schliesslich das Votum einer Tante, die schon länger als Nonne in Afrika
lebte und das Reiseziel für unbedenklich erklärte.

 Fremde vertraute Welt

„Im Flugzeug war es ja schon heiss, aber als in Ouagadougou die Türen aufgingen, dachte ich, da wär' ein heisser Fön auf mich gerichtet. So ein süsser, staubiger Geruch wehte mir in die Nase und ich habe dagestanden und gedacht, so, jetzt bist du also wirklich
in Afrika“. Fotos braucht Paul Buchholz nicht, wenn er von seinen 14 Tagen Burkina Faso erzählt. Ganz farbig und unverbraucht sind die Bilder, die entstehen, wenn er erzählt: „Da sind die kleinen Lehmhütten auf beiden Seiten der Strasse, in einer dichten Staubwolke rumpeln wir auf der Busfahrt nach Dori an ihnen vorbei. Alle Leute am Strassenrand haben gewunken, auch wenn sie uns vor Staub fast nicht mehr sehen konnten“. Und dann Dori: eine ganze Stadt aus Lehmhütten und mittendrin, ohne Zäune, ohne Begrenzungen, Kühe. Überall. Sehr fremd das alles und doch gar nicht so sehr. „Als Bauer lebt man mit der Natur und von der Natur, das ist in Afrika genauso wie im Schwarzwald“ – Anknüpfungspunkte fanden sich schnell, das Sprachengewirr unter den Kongressteilnehmern spielte beim Fachsimpeln bald keine Rolle mehr.

Und was hat ihn so sehr verändert, in dieser fremden, vertrauten Welt? „ Ich habe gesehen, wie die mit ihrer Zeit umgehen – und das beeindruckt mich bis heute. Mein Leben lang habe ich immer darüber nachgedacht, was ich noch alles schaffen will in meiner Lebenszeit. In Afrika blicken sie zurück. Und freuen sich über jeden Tag, der war, und alles, was sie an ihm geschafft haben. Dadurch können sie gelassener mit ihrer Zeit umgehen“. Gelassenheit hat auch Paul Buchholz inzwischen gefunden. Vielleicht nicht gerade die afrikanische, aber immerhin. Schweine, Hühner und Kühe stehen in seinen Ställen, im Garten wächst sein eigenes Gemüse und im Keller wird aus dem Holz seiner Wälder Wärme und heisses Wasser; Einmachgläser mit Obst und Marmelade stapeln sich im Keller, sogar eine Räucherkammer gibt es. Sein Leben lang hat Paul Buchholzer sich für dieses Idyll abgearbeitet. Erst in ein paar kurzen
Tagen in Afrika hat er gelernt, tatsächlich glücklich damit zu sein.

 Zeitung zum Sonntag, 24. Dezember 2000


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