Die «Nomadin» bei den Raikas
Kampf für die genetischen Ressourcen der traditionellen Hirtenvölker

Die deutsche Kamelforscherin Dr. Ilse Köhler-Rollefson untersucht seit vielen Jahren die Kamelkultur und Kamelhaltung bei den indischen Raika, deren Lebensgrundlage bedroht ist. Die Tierärztin behandelt kranke Tiere. Sie hilft im Kampf gegen korrupte Beamte und Weiderechte und versucht in Forschungsberichten die wissenschaftliche Welt für die Probleme der Nomadenvölker zu interessieren. Dafür wurde sie 2002 mit dem Ehrenpreis der Rolex-Stiftung ausgezeichnet.

Die Raikas mit ihren roten, weissen oder orangefarbenen Turbanen gehören zur grössten Viehzüchterkaste Rajasthans gelten lokal als Kamelzuchtexperten und waren früher stolze Hüter der königlichen Kamelherden. Bevor Indien unabhängig wurde, bestand Rajasthan - das Land der Könige - aus rund 20 verschiedenen Königreichen, die von Maharajas regiert wurden. Diese Herrscher gehörten zur Kriegerkaste der Rajputen, die ständig in Kämpfe verwickelt in ihren Wüstenreichen Kamele für ihre berittenen Truppen und Batterien von Packkamelen benötigten. Nach der Aufgabe des Feudalsystems gingen die Kamele in den Besitz der Raikas über.

Die Raikas empfinden ihre Kamele nicht als Nutztiere. Ihre Verbindung geht viel tiefer und stellt einen Teil ihres Selbstverständnisses dar. Ihrem Ursprungsmythos zufolge wurden die Raikas von Gott Shiva mit dem speziellen Zweck erschaffen, auf Kamele aufzupassen. Die tiefen Gefühle, die die Raikas ihren Kamelen entgegenbringen, sind verbunden mit einem reichhaltigen Wissen über Kamelzucht und -haltung. Das traditionelle Know-how der Raikas und ihr Gespür für ihre Tiere und das Land sind wichtige Fähigkeiten in einer Zeit, in der die direkte Beziehung zur Umwelt vielfach verloren gegangen ist. Aber ihr Niedergang ist vorprogrammiert, wenn die Kamelzucht wirtschaftlich nicht mehr tragfähig ist.

Die Raika-Frauen leben mit ihren Kindern und altern Männern das ganze Jahr über in Häusern, im Gegensatz zu andern Kamelnomaden. Anders als sonst in Indien stehen bei den Raikas die Mädchen hoch im Kurs. Hier zahlt die Familie des Mannes, nicht die der Frau, den Hochzeitspreis und dies, obwohl die Raikas als die rückständigsten und halsstarrigsten Bewohner ganz Rajasthans gelten.

Entsprechend schwierig war es für Ilse Köhler, den Kontakt zu den Raikas zu knüpfen, als sie anfangs der 90er Jahre mit einem Forschungsstipendium nach Rajasthan reiste. Sie solle zuerst etwas für ihre kranken und an Fehlgeburten leidenden Tiere tun, forderten sie von ihr. Mit ihren beruflichen Fähigkeiten verbunden mit viel Geduld und Beharrlichkeit gewann sie das Vertrauen der Einheimischen und motivierte sie zur bisher tabuisierten Vermarktung der Kamelmilch als zusätzliche Einnahmequelle. Sie entwickelte eine Methode zur Erforschung der einheimischen Rassen nach Zuchtzielen und –strategien und schrieb ihre Habilitation zum Thema «Kamelkultur und Kamelhaltung bei den indischen Raika. Ein Beitrag zum interkulturellen Vergleich von Mensch- Tier-Beziehungen».

Ilse Köhler bezeichnet die fehlenden Weideflächen und das immer knapper werdende Wasser als grösstes Problem für die Zukunft der Raikas und ihrer Herden. Gemeinsam mit Hanwant Singh Rathore, einem hoch angesehenen Mann der Kriegerkaste, gründete sie 1996 die nicht staatliche Organisaion Lokhit Pashu-Palak Sanstan. Diese setzt sich gegen die korrupten Forstbeamten zur Wehr, die den Herden für sattes Bestechungsgeld gelegentlich die verbotenen Weidegebiete öffnen – oder sie dichtmachen, wenn sie mehr Geld wollen. Mit einem Team von zehn Mitarbeitern betreibt die Organisation prophylaktische Gesundheitsvorsorge gegen Blutparasiten und die Räude. Daneben engagiert sich die zur Hälfte des Jahres in Deutschland lebende Mutter einer Tochter und eines Sohnes regelmässig für die Menschen in ihrer Umgebung und meint: «Die Leute kommen täglich mit allen möglichen Problemen zu mir. Es spielen sich hier so viele kleine Dramen ab.»

Die Forscherin sieht einen Weg für das Überleben der traditionellen Viehhalter, indem das genetische Material, das über Jahrhunderte durch Zuchtleistungen hervorgebracht wurde, patentiert und kapitalisiert wird: «Diese Menschen haben über Jahrzehnte in härtester Arbeit züchterische Leistungen erbracht, die anerkannt und honoriert werden müssen. Dieses genetische Material lässt sich nutzen, um die Zucht bei Viehhaltern in anderen Regionen zu verbessern.» Die gross gewachsene «Nomadin», wie sie häufig genannt wird, kämpft deshalb bei internationalen Organisationen für den Schutz dieses geistigen Eigentums von Menschen, denen Begriffe wie Gentechnologie fremd sind.

Text und Bild: Monika Fischer
retour